Kleider, die der Schnee verschluckt 

Sonderbare Mode-Ideen und Rotkäppchens Familienaufstellung sind derzeit in den Münchner Galerien zu sehen.

Das hermeneutische Spiel mit dem Mythos hier mit dem vom Rotkäppchen und dem anarchischen Wolf wäre ein alter Hund, den sich schon Generationen von Psychoanalytikern aufgesetzt haben, wenn es keine überzeugende künstlerische Form gefunden hätte. Rita de Muynck ist auf drei Etagen der Seidlvilla die contradictio in adjecto gelungen, ein expressionistisches und gleichermaßen konzeptionelles Gesamtkunstwerk zu schaffen. Begleitet von einer eigens komponierten Toncollage, sind Angst und Lust, Verführung und Zerstörung zu alternierenden Kraftfeldern in Form von Zeichnungen, Bildern und Plastiken kondensiert. Die Rollen der Schönen und der Bestie changieren und lösen sich in spannungsgeladenen Bildern auf. Titel wie Singing with the Wolf und Rotkäppchens Familienaufstellung sorgen dafür, dass die schamanistische Glut in der ironischen Waage gehalten wird.

Andreas Kühne, Süddeutsche Zeitung, 1. Oktober 2003



Maheone Honehe: Von der Schlehdorfer Kunstfabrik in die Münchner Seidl-Villa
Weil das Wilde immer schön und schrecklich ist

Rita de Muynck erzählt in einem vielschichtigen Kunstwerk unter anderem die Geschichte von Rotkäppchen und dem bösen Wolf.

(...) Maheone Honehe füllt zur Zeit in der Seidl-Villa in München drei Stockwerke und besteht nicht nur aus Bildern und plastischen Arbeiten, sondern wird ergänzt von einer CD, die die Künstlerin mit einfachen handwerklichen wie elektronischen Mitteln selbst komponiert hat. Die Künstlerin arbeitet figürlich, aber in starker, dynamischer Auflösung der Formen und mit den heftigen, gefühlsstarken Farben des frühen deutschen Expressionismus. Die Farbe wird mit kraftvollen Pinselbewegungen pastos aufgetragen, ein Teil der Arbeiten ist zudem reliefartig strukturiert.

Zudem sind zwei große, bemalte Plastiken in ihre Ausstellung aufgenommen worden. Zum einen die Große Mutter, die die Hoheit einer Priesterin ausstrahlt, jedoch durch eine Verbindung in Höhe des Leibes mit dem Wolf, einem sehr realistisch gesehenen Wolf, vermählt ist. Zum anderen Die Zerfetzung, eine weit übermannshohe Arbeit, eine Säule aus Stücken und Teilen, unter denen sich menschliche Gliedmaßen und der Wolfskopf ausmachen lassen.
Die Zerfetzung entspricht der Zerstückelung, einer schamanistischen Vorstellung vom notwendigen Ersterben, ehe die Heilung beginnen kann. Die Große Mutter, bei de Muynck versehen mit dem dunklen Gesicht der Schwarzen Madonna, und der Wolf können, sehr vereinfachend gesagt, als das männliche und das weibliche Prinzip gesehen werden, die über die Verschmelzung den Schöpfungsakt vollziehen. Alle Figuren, das Rotkäppchen, eine stilisierte Menschenfigur, eingeschlossen, können sich jedoch ineinander verwandeln. Der Wolf entspringt dem Kopf der Großen Mutter, doch trägt sie auch die jungen Wölfe in ihrem Leib. Bis es soweit kommen konnte, musste zunächst die Verführung ihr Werk tun. Der Wolf wirkt auf das Rotkäppchen ein und treibt es zur Ekstase. Es wird ihm nun die Großmutter überlassen und damit beginnt Rotkäppchens Wandlung. Es gerät ins Wasser, die unberechenbare Gefühlwelt, danach hängen die Seelenteile, die auch Teile des Leides sind, an einer Leine, der neuen Ordnung gewärtig. Verführung, Zerstückelung und Paradies sind auch die drei Sätze der zugehörigen Musik überschrieben, in der sich wilde Ober-, Pfeif- und Brummtöne, Geschepper, Glöckchen, Wolfsgeheul und menschliche Stimmen zu akustischen Gemälden verbinden, in denen es alles gibt von der Kakophonie bis zum lyrischen Pianissimo.

In der Kunst von Rita de Muynck ist die Verschmelzung zwischen dem Schönen und dem Wilden unmittelbar da, so Thomas Zacharias in seiner Laudatio. Das Schöne ist ohne das Wilde nicht zu haben.

Das vielgestaltige Werk dürfte in der Gegenwartskunst nur wenige Entsprechungen haben.

Ingrid Zimmermann, Süddeutsche Zeitung, 18. September 2003



Starke Polarität zwischen agressiv und lyrisch

Die Schlehdorfer Künstlerin Rita de Muynck bewegt sich zwischen Schön und Animalisch/Ihre Bilder entstehen ohne Kopfsteuerung.

(...) Die Kühe vom benachbarten Bauernhof stehen grasend auf der Weide. Ein schwarzweißes Kalb diente als Motiv für eines ihrer großformatigen expressiven Bilder, die immer beides sind, heftig und dennoch von innerer Substanz. Zu sehen sein wird das Bild mit dem Kalb in einer Ausstellung, die am Samstag, 8. Juni, in der Galerie am Eichholz in Murnau eröffnet wird. Motto La Belle et les Bêtes. In diesem Titel spiegelt sich, was die Malerin als charakteristisch für ihre Arbeit und ihre Lebenssicht bezeichnet: Polarität.

Im verschachtelten Bauch des alten Hauses, in einem großen, sehr hohen, fensterlosen Raum, stehen allerlei Sessel ungeordnet herum und an den Wänden hängen Bilder, die dem Betrachter zunächst den Atem nehmen: Die Wutkuh, mit ihren zornerfüllten Augen, längst vor der BSE-Krise entstanden, der sterbende Mann auf dem Waldboden, auf den der Wolf hinunterschaut, betitelt Requiem, eine Horde farbenblühender Hunde, in Form und Farbe Aggression pur. Es ist sehr nah am Animalischen, hatte Rita de Muynck der ersten Ausstellung dieser Bilder in München als eine Art Leitsatz mitgegeben. Es war jedoch damals nicht nur eine verstörende Bilderschau gewesen, in der zwischen Malerei und Trancezuständen eine Brücke geschlagen wurde, sondern bereits eine Installation unter dem Titel KlangNetze, in der auch noch Musik und Wort hinzukamen. Die CD dazu, eine vielschichtig ineinander greifende akustische Struktur aus einem Wechsel von aggressiv hämmernden und lyrischen Elementen, wird an einem Abend in Murnau zu hören sein. Inzwischen komponiert Rita de Muynck die Musik für Trance-Sitzungen, die der Malerei vorausgehen, selbst.

Die Bilder entstehen im Atelier, einem großen Raum mit vielen Fenstern auf der Rückseite der Fabrik. Direkt dahinter steigt steil der Berg an. Auf einem freien Fleck zwischen den gestapelten Bildern reckt sich eine im Werden begriffene Skulptur. Eine Frauenfigur aus Drahtgitter. Ein Wolf, schon mit Gipsbinden umwickelt, richtet sich vor ihr auf und hechelt ihr seinen Atem ins Gesicht. Da ist es also wieder, das Tier, nun in der Abwandlung Frau und Wolf, ein Urthema, mit dem sich die Künstlerin im Augenblick heftig herumschlägt. Es kommt in meinen neuen Bildern fast immer darauf hinaus, sagt Rita de Muynck, die Große Mutter gebiert den Wolf. Er bricht aus ihrem Leib heraus, ist aber Teil von ihr. Es ist beides in uns, die Große Mutter und der Wolf, das Animalische. Manche Menschen haben allerdings Schwierigkeiten, diese Bilder anzusehen. Die Wurzeln von de Muyncks Malweise liegen in der Zeit der Maler der Brücke und des Blauen Reiter: Die expressiv verfremdete, auch brutal zupackende Gegenständlichkeit einerseits und andererseits die glühenden Farben, in denen Licht und Dunkelheit sich untrennbar mischen. Diese Bilder werden ohne Kopfsteuerung geboren. Dass es so richtig für sie ist, wird Rita de Muynck auf einer anderen Ebene ihrer Arbeit deutlich: Mit einer kosmopolitisch zusammengesetzten Theatertruppe in Paris hält die gebürtige Flämin engen Kontakt, holt sie auch gelegentlich nach Oberbayern. Zur Zeit wächst ein Stück zum Rotkäppchen, eine archetypische Auseinandersetzung mit dem Grimmschen Märchen um die Große Mutter, das innere Kind und den Wolf.

Ingrid Zimmermann, Süddeutsche Zeitung, Mai 2002



Leben und Sterben

Ausstellung von Rita De Muynck in der Heilig-Geist-Kirche

Ungemein beeindruckend, wenngleich beim unvorbereiteten Hinsehen und Hinhören befremdlich ist die Klang & Bild-Installation Requiem der flämischen Künstlerin Rita de Muynck in der Heilig-Geist-Kirche am Roten Tor.

In einem an die Kapelle angrenzenden Raum des ehemaligen Elias-Holl-Baus wird der Besucher konfrontiert mit Bildern, deren Deutung sich nicht sofort erschließt. In ihrer Installation Requiem bebildert de Muynck großformatig Tod, Gewalt und Opfer. Geopferte Kinder grüßen aufrecht und starr vom Bild-Hauptaltar, sind dort wie in südlichen Wandgräbern einzeln in Bilder eingesargt. Allein für sie erklingt das Agnus Dei aus der Mars-Messe der Komponistin Helga Pogatschar, und in diesem Zusammenspiel berühren sich Leiden und Auferstehen, nehmen den namenlos Geopferten das Grauen.

Rita de Muynck, die außer ihrem Kunststudium auch Psychologie und Kommunikation abgeschlossen hat, sieht ihre Bilder in selbstinduzierter Trance, und wenn dies auch an die belgischen Kinderschänder erinnert, so kann dem Augsburger Betrachter auch Brechts Ballade vom Kinderkreuzzug in den Sinn kommen. Rechts und links des Kinderaltars hängen die anderen, in Trance geschauten Erlebnisse der Malerin. Auf keinem fehlt dabei die Darstellung eines Hundes. Rita de Muynck beruft sich hier auf die Tradition der Schamanen, sieht das Tier als Boten, als einen Begleiter oder Nothelfer.

Schwarz, Rot, Grün und Blau sind die dominierenden Acryl- und Ölfarben der Künstlerin. Blau symbolisiert das Empfinden, Rot und Grün spiegeln Kraft. Das Sterben ist eine andere Form von Leben, erklärt de Muynck und verweist auf das Bild Tod meiner MA . Noch umkleidet die Trauernde Dunkel, da verwandelt sich die geliebte Person schon in helles Licht. Die Kernaussage dieser Ausstellung aber bleibt bei den Kindern. Ihnen darf keine Gewalt geschehen, worauf bereits eine fest auf beiden Beinen stehende Kind-Plastik im Eingangsbereich hinweist.

Augsburger Allgemeine, Nr. 61, Samstag, 13. März 2004 (Autor: sysch)



Aus Trance wird Bild

Die Künstlerin Rita de Muynck malt mit Hilfe von Hypnose.

(...) Die Galerie FORUM NEUE KUNST lockt mit einer ungewöhnlichen Künstlerin: Rita de Muynck. Durch selbstinduzierte, gelenkte Trance kann sie innere Bilder ins Bewußtsein holen, die sie danach im Malprozeß künstlerisch umsetzt, steht da in der Ankündigung. Traumwesen heißt die Ausstellung, und es geht um Beziehungen, um Geborgenheit und um Nähe, so die Kunsthistorikerin Gabriele Schickel. Tiere und Kinder sowie Motive aus der Kindheit sind Verbildlichungen unverfälschter Emotionen. Aha.


Große Formate hängen da, mit wunderschön starken Farben. Der Stil ist expressiv. De Munyck arbeitet mit der Mischform Acryl und Öl. In jedem der 14 ausgestellten Bilder finden sich Motive von abstrakten Hunden, Bären und zwitterartigen Gesichtern, die in virtuellen Räumen schweben. Es gibt nichts Frustrierenderes, als tolle Bilder vor Augen zu haben, sie aber dann nicht hervorholen zu können, sagt de Muynck. So fing sie an, sich selbst in Trance zu versetzen, um dann im bewußten Zustand ihre inneren Bilder skizzieren zu können. Rita de Muynck ist seit 1991 Lehrbeauftragte für Trance und Malerei an der Universität München. Traumbegeisterte Studenten werden von ihr jeweils eineinhalb Stunden in Hypnose versetzt, um fünf Tage lang Bilder aus ihrem Unterbewußtsein zu holen. Daß Hypnose nichts mit Zauberei zu tun hat, sondern eher mit weltlichen Gefühlen, beschreibt eine Studentin, die anfangs glaubte, sie säße bloß einmal mehr in einer langweiligen Vorlesung .

So genießt der Betrachter diese merkwürdig schönen Traummotive und könnte sich diesmal sogar mit dem fernen Raunen der Wiesn anfreunden, denn warum zweifeln wir nicht, ob unser Denken und Handeln nicht eine andere Art von Träumen ist (Montaigne). Und vielleicht ist ja dann das Oktoberfest nichts anderes als eine riesige Performance

Clarissa Ruge, Süddeutsche Zeitung, Nr. 221, September 1996